Wie am Freitag mein Respekt vor Müttern unerwartet gewachsen ist

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Um genau zu sein: Vor einer ganz speziellen Mutter.

Was war geschehen?
Nun, ich hatte mir  zum Zwecke der jährlichen Inspektion für letzten Freitag einen Termin beim Zahnarzt meines geringsten Misstrauens geholt, den es Freitag anzutreten galt.

Und so stand ich, ganz Nervenbündel (Der Kopf sagt: Du kennst diesen Zahnarzt und weißt, dass er ein verdammt guter ist und Dir genau erklärt, was er wann und weshalb macht, also wozu die Aufregung? Worauf der Körper entgegnet: Du, das mag schon sein – aber ich mache trotzdem mal ein wenig Panik, so richtig mit Herzrasen, Kopfdröhnen und Schweissausbruch, ja?) also an der Anmeldung, als die nette Dame dort gerade einen Anruf entgegennahm.
Wie ich den auf meiner Seite gesprochenen Worten entnehmen konnte, handelte es sich um einen Notfall, der wohl heute noch erscheinen würde.

Ich dachte nicht weiter darüber nach und setzte mich ins Wartezimmer (bei diesem Arzt muss man immer Zeit mitbringen, auch wenn man einen Termin hat – was daran liegt, dass er sich einfach für jeden Patienten die nötige Zeit nimmt, um alles genau zu erklären – und deshalb geht das für mich auch absolut in Ordnung) und versuchte, meinen immer noch auf Panik laufenden Körper ein wenig unter Kontrolle zu bekommen.

Irgendwann, als mir das auch schon weitestgehend gelungen war, klingelte es an der Tür. Es erklang das Summen des Türöffners, und eine oder mehrere Personen traten ein.

Die nette Dame an der Anmeldung fragte „Wir haben dann gerade eben telefoniert?“, woraufhin kurz eine zaghafte Mutterstimme mit einem „J..Ja, wir …“ zu hören war, bevor sofort ihr Sohn – ich habe ihn für mich einfach „Kevin“ getauft – das Wort übernahm.

Laut.

Sehr laut.

„Ja, wir haben telefoniert. Ich bin der Notfall. Mein Arzt hat ja zu. OH WAS WAR DAS?“ – Mutter: „Draussen hat jemand ein Auto angem…“ – Sohn: „Na jedenfalls waren wir bei meinem Zahnarzt und der hat gesagt vielleicht geht das bis zum Wochenende aber jetzt tut es doch wieder WAS IST DAS? – Mutter: „Der Arzt bohrt gera“ – Sohn: „Das muss er bei mir dann bestimmt auch machen. Ich glaube, wir nehmen den Zahn raus.“ – Anmeldedame: „Das wird der Arzt dann schon entsch…“ – Sohn: „Ist das der Raum wo ich rein muss?“ – Anmeldedame: „Vielleicht. Vielleicht aber au…“ – Sohn: „Oder der da? Und was ist hinter dieser Tür?“ – Mutter: „Die To…“ – Sohn: „Haben Sie auch eine Toilette? Ich muss ja nicht, aber vielleicht muss ich nachher. Soll ich jetzt schon in den Raum gehen?“ – Anmeldedame: „Nein, bitte setzen Sich erst ins Wartezimmer. Es dauert noch ein wenig“.

Das Kind schien verstummt.
Ich atmete auf.

Mutter und Kind kamen ins Wartezimmer, der kleine sah mich und bekam große Augen: „DU bist aber groß!“.
Danke. Wo wären wir Fettsäcke ohne Euch, die uns darauf hinweisen? Bestimmt würden wir immer noch denken, wir wären rank und schlank!

Ich setzte gerade dazu an, dem kleinen Wonneproppen ein „Ja, und das wirst Du auch, wenn Du so weiter frisst“ entgegenzusetzen, als die Mutter ihn mit einem „Na!“ zurechtwies.

Ich schöpfte ein wenig Hoffnung, die noch durch das Stillhalten des kleinen Kerls verstärkt wurde, als die Mutter ihm aus einem Kinderbuch vorzulesen begann.

Wie alle Dinge, so hat aber auch so ein Buch irgendwann ein Ende – und so bekam der Knirps erst ein Bilderbuch in die Hand und dann den Mund nicht mehr zu, indem er seiner Mutter (und mir (und – der Lautstärke nach – auch die Bewohner der benachbarten Häuser)) jedes – JEDES! – auf den Bildern gesehene Detail nicht nur genau beschrieb, sondern sich auch jeweils eine kleine Geschichte dazu ausdachte, die er ebenfalls in unverminderter Lautstärke und Geschwindigkeit zum Besten gab.

Noch bevor sich meine Paniksymptome wieder einzustellen begannen, begann ich Prügelstrafe wieder für eine ganz nicht so schlechte Sache zu halten.

Seine Mutter aber war die fleischgewordene Ruhe. Hätte ich an ihrer Stelle jede Sekunde des zur Geburt des Kindes führenden Aktes bereut, so hörte sie ihm geduldig zu und reagierte selbst dann nicht ungehalten, als ihr Sohnemann ihr das Bilderbuch mit den Worten „Leg mal weg!“ auf den Schoss warf.

Mein Respekt für die Dame wuchs ungefähr im gleichen Maße wie der Neid auf den Zahnarzt, bei dem der Knirps den Mund offen halten müssen und somit zum Schweigen verurteilt sein würde.

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4 Antworten auf Wie am Freitag mein Respekt vor Müttern unerwartet gewachsen ist

  • Wie ich ja immer wieder betone, sind Kinder das unfertige Endprodukt ihrer Eltern und Großeltern und somit wundert mich nicht, wenn lauter kleine Arschbestien herumrennen … man kennen die Nervensägen schlichtweg ignorieren und dann hören sie angeblich nach Stunden auf nervig zu sein, aber ich halte das für ein Gerücht.
    Und das gilt alles nicht für die eigenen, besonders lieben und intelligenten Plagen :-)

    Oder wie Serge Falck unlängst in einem Interview erwähnte: Alle kleinen Kinder sind so lieb, wo kommen dann nur immer dieser gräßlichen Erwachsenen her?

    Ich weiss es *g*

    • Ich muss ja zugeben, dass ich mich für den Impuls schäme, den Kleinen durch das geschlossene Fenster werfen zu wollen …

      Und ich glaube bzw. weiß auch, dass die Kleinen am wenigsten dafür können. Allerdings bin ich auch unsicher, ob die Verantwortung für ADHS voll und ganz den Eltern zukommt – oder nicht auch das Umfeld zu großem Maße beteiligt ist; heutzutage ganz besonders die aus allen Ecken und Winkeln auf uns hereinrieselnden Medien.
      Davor kann man glaube ich niemanden isolieren – und tut man es dann doch, nimmt man ihm einen wichtigen Teil an Vorbereitung auf das Leben.

      Ich glaube, ich möchte heutzutage kein Kind mehr sein …
      Ich galt damals auch als Zappelphilipp und „unaufmerksam im Unterricht“, bis unser Hausarzt feststellte, dass ich schlichtweg unterfordert war.
      Als dies der betroffenen Lehrerin mitgeteilt wurde, war sie nicht unbedingt besser auf mich zu sprechen … ;-)

      Grusels,

      Marco

      • Da gebe ich dir Recht, dass die Kids nichts dafür können. Aber ich sehe das bei meinem Enkel, der noch keine zwei Jahre alt ist und total begeistert mitmacht, wenn ich ihm ein Stück Holz und einen Hammer gebe und ihn klopfen lasse (oder Ähnliches). Das kann er zuhause nicht, den seine Eltern hängen den ganzen Abend an Tablet und Handy und haben keine Zeit sich mit ihm zu beschäftigen. Natürlich kann der Winzling auch schon mit der Elektronik umgehen, aber es wäre doch klüger, wenn er sich auch mal auf dem Spielplatz austoben könnte. Das größte Problem ist, dass keiner Zeit hat und Willens ist, sich auch mal abseits von Media und Co mit ihm zu beschäftigen. Wer mal gesehen hat, mit welcher Freude mir der Kleine beim Nudel oder Brot machen hilft, der würde ihm diesen ganzen elektronischen Kram nicht zumuten. Berieselt werden die Kids ganz automatisch, aber gerade deswegen muss man sie speziell fordern und fördern … siehe den Punkt Unterforderung, der schon damals für leise Verwirrung sorgte.
        Das Problem ist, dass alles was links, rechts, oben und unten neben den Durchschnittsrost fällt, heute als Abfall gewertet wird. Denn was darüber hinausgeht, das kostet Geld.
        Früher hatten Muttern und Großeltern Zeit, sich um die Kinder zu kümmern. Heute benötigt man in erster Linie Geld und da müssen alle arbeiten und die Kinder abschieben. Warum sind die Nordmänner in der Pisa-Studie immer an der Spitze? Weil man dort erkannt hat, dass man Frauen (und Männer), die ihre Kinder bis zum achten Schuljahr betreuen möchten, ein vom Staat finanziertes Gehalt inkl. Pensionsvorsorge gibt. Und das rechnet sich offensichtlich … aber davon sind wir noch weit weg. Leider

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