Niederwalddenkmal

Das Niederwalddenkmal, seit 2002 Teil des „UNESCO Welterbe Oberes Mittelrheintal“, liegt oberhalb der Stadt Rüdesheim und seiner Weinlagen am Rand des Landschaftspark Niederwald. Es ist eines der hauptsächlich zur Zeit des Deutschen Kaiserreichs entstandenen monumentalen Gedenkbauwerke Deutschlands, zu denen auch das Kaiser Wilhelm I-Denkmal am Deutschen Eck in Koblenz, das Kyffhäuser-Denkmal, das Hermannsdenkmal in Detmold sowie das Völkerschlachtdenkmal in Leipzig und die Walhalle bei Donaustauf zählen.

Das insgesamt etwas mehr als 38 Meter hohe, 75 Tonnen schwere Denkmal soll an die Einigung Deutschlands von 1871 erinnern.
Zu diesem Zweck weist es ein ganzes Figurenprogramm aus mehreren Plastiken und Reliefs auf.

Der markanteste und weithin sichtbarste Teil ist natürlich die 12,5 Meter hohe Germania, die auf einem Sockel vor einem im altdeutschen Stil gehaltenen Thron mit Adlerwangen steht, der den Kaiserthron symbolisieren soll.
Wenngleich das gesamte Denkmal eher nach Süden ausgerichtet ist, schaut der Kopf leicht gen Osten – also in den Rheingau nach Deutschland.
Ihre rechte Hand reckt eine lorbeerumkranzte Kaiserkrone empor, während die Linke auf einem lorbeerumrankten Schwert ruht – klare Symbole des Triumphs und der Macht.

Das Haupt der Germanie trägt einen Kranz aus Eichenlaub und damit ein klar deutsches Attribut. Auf ihrem wallenden Gewand finden sich mit Raben, Drachen, Schwänen, Adlern und Hirschen viele Tiere, die in der deutschen Sagenwelt vorkommen.

Der Sockel der Germania trägt die Widmung des Denkmals: „Zum Andenken an die einmuethige siegreiche Erhebung des Deutschen Volkes und an die Wiederaufrichtung des Deutschen Reiches 1870 – 1871“, eingerahmt von den Namen wichtiger Schlachtfelder in diesem Krieg.

Am Übergang vom Sockel zum Hauptrelief findet sich eine Reihe von Wappen der damaligen deutschen Staaten, mit dem im Aufstieg befindlichen Reichsadler samt preußischen Wappenschild in ihrem Zentrum.

Unterhalb dieser Wappenreihe befindet sich das Hauptrelief, das mit 133 in Lebensgröße abgebildeten Personen – König Wilhelm von Preußen im Zentrum – das größte Bronzerelief des 19ten Jahrhunderts ist.
Mit den Generälen und Fürsten Norddeutschlands (rechts) und Süddeutschlands (links) soll es die Aufbruchstimmung vor dem Deutsch-Französschen Krieg darstellen.
Die dargestellten Personen und Truppengattungen sollten sicherstellen, dass sich jeder am Krieg beteiligte Mensch auf die eine oder andere Art in diesem Relief wiederfinden konnte.

Zu den Seiten des Hauptreliefs finden sich die Allegorien von Krieg (links, mit Trompete und gesenktem Schwert als Symbol einer siegreich beendeten Schlacht) und Frieden (rechts, als Engel mit Ölzweig und Füllhorn, das für den neuen Wohlstand steht).

Hinter den Allegorien finden sich weitere Reliefs: Links ein Relief mit aufbrechenden Soldaten (Aufbruchrelief „Abschied der Krieger“), in denen sich Personen aus dem Norden und Bayern wiederfinden; Rechts das „Heimkommensrelief“ für alle Heimkehrer des Deutsch-Französischen Krieges.

Unter dem Hauptrelief sind fünf der sechs Strophen des Liedes „Die Wacht am Rhein“ in den Stein gemeisselt – das für grosse Teile der Gesellschaft und besonders die Soldaten des Krieges 1870/1871 den Charakter einer Hymne hatte. Die Strophen sind dabei direkt unter dazu passende Stellen im Hauptrelief gemeisselt.

Abgeschlossen wird das Denkmal unten von einer Bronzegruppe, in der Vater Rhein seiner Tochter Mosel ein Wächterhorn übergibt – Hinweis auf die im Krieg erfolgte Verschiebung der Grenze, die nunmehr nicht mehr durch den Rhein verlief.

Alles in Allem ist das Niederwalddenkmal in zwei Achsen angeordnet: In der Waagerechten ist von links nach rechts die Abfolge der Ereignisse vom Aufbruch der Soldaten über den Krieg bis hin zur Heimkehr zu sehen, während in der Senkrechten die Früchte des Krieges dargestellt sind: Die Germania mit der Krone als Symbol für den neuen Herrscher, die Wiederaufrichtung des Deutschen Reichs in der Hauptinschrift, der Adler mit den Wappen sowie die Fürsten im Hauptrelief als Zeugnis der Deutschen Einheit und schliesslich die Verschiebung der Grenze von den Rhein an die Mosel.

Der historische  Hintergrund für die Errichtung des Niederwalddenkmals war natürlich der Erfolg im Deutsch-Französischen Krieg (1870-1871) und die daraus resultierende Gründung des Deutschen Kaiserreichs im Januar 1971, auch als Ergebnis über Jahrzehnte andauernder Bestrebungen zur Vereinigung der vielen Mitgliedsstaaten des Deutschen Bundes.

Dazu kam eine gewisse „Mode“ im 19ten Jahrhundert, historischen Ereignissen oder Personen mit Bauwerken zu gedenken, und so kamen erste Ideen zu einem nationalen Denkmal bereits während des Krieges.

Besonderes Augenmerk fiel in der Standortfrage auf den Rhein, der von jeher für die Deutschen als „Vater Rhein“ eine starke Bedeutung sowohl in der Welt der Sagen und Legenden als auch als realer Geschichtsschauplatz hatte. Ungefähr zwanzig Jahre lang bildete er die Grenze zwischen Deutschland und Frankreich, bis zum Sturz Napoleons. Das sogar als Hymne des Kaiserreichs in Betracht gezogene Lied „Die Wacht am Rhein“ wurde im Krieg von vielen deutschen Soldaten gesungen – und nun plötzlich war Frankreich vom linken Rheinufer vollständig verdrängt und der Rhein war – Münung und Quellgebiet ausgenommen – ein rein deutscher Fluss geworden.
Im April 1871 schlug ein Ferdinand Heyl, ein Schriftsteller, in einer Zeitung ganz konkret den Niederwald bei Rühdesheim als Standort vor, was mit grösster Begeisterung aufgenommen wurde.

In der Folge befasste sich vor Allem der Regierungspräsident Wiesbadens, Botho Graf zu Eulenburg, mit der weiteren Planung und Organisation des Baus.
Dazu holte er sich zunächst von Kaiser Wilhelm I. und Reichskanzler Otto von Bismarck die Zustimmung, bevor er in Berlin ein Kommitee hauptsächlich aus Mitgliedern des Reichstages bildete, dessen Vorsitz er übernahm.

Das Projekt nahm konkrete Formen an, und im November 1871 erfolgte der erste Spendenaufruf an das Volk.

Ein Jahr später gab es einen ersten Wettbewerb, in dem Künstler, Bildhauer und Architekten Vorschläge für die Gestaltung des Denkmals abgeben konnten, von denen jedoch keiner das Gefallen des Komitees fand.

Erst der dritte Entwruf des Bildhaues Johannes Schilling – dessen Tochter schliesslich Modell für die „Germania“ stand – war in einer zweiten Auschreibung April 1874 erfolgreich. Für die Architektur des Denkmals und der Terrassen wurden die Ausarbeitungen Karl Weibachs, eines Dresdner Architekten, angenommen.

Das letzte Problem war das Geld – in den Spendenaufrufen war nicht genug zusammengekommen, so dass der Reichstag schliesslich den Rest dazugab, damit nach einer drei Jahre währenden Vorbereitungszeit endlich mit dem Bau begonnen werden konnte. Am 16. September 1877 wurde in Anwesenheit Kaiser Wilhelm I. der Grundstein im Rahmen einer grossen Festlichkeit gelegt.

Nach sechs Jahre währenden Bauarbeiten wurde das Niederwalddenkmal am 28. September 1883 feierlich eingeweiht – abermals in Anwesenheit des Kaisers.
Als dieser eine Rede hielt, kam es zu einer peinlichen Panne: Soldaten an einer Haubitze hatten ein Signal ihres Vorgesetzen falsch gedeutet und einen Salut abgefeuert, noch während Wilhelm I. sprach. Auf dem Rhein wartende Schiffe hörten dieses verabredete Signal und feuerten ihrerseits ebenfalls mehrere Salutschüsse, so dass die letzten Worte des Kaisers im Kanonendonner untergingen.
Um sie nicht verloren gehe zu lassen, wurden sie in den mittleren Absatz des Treppenabgangs eingemeisselt: „Wie mein koeniglicher Vater einst dem preussischen Volke an dem Denkmale bei Berlin zurief, so rufe ich heute an dieser bedeutungsvollen Stelle dem deutschen Volke zu: Den Gefallenen zum Gedaechtnis, den Lebenden zur Anerkennung, den kuenftigen Geschlechtern zur Nacheiferung.

Der Versuch eines Attentats auf den Kaiser während der Einweihungszeremonie durch eine Gruppe von Anarchisten um Emil Küchler und August Reinsdorf konnte unterbunden werden.

Heute ist diese „deutsche Freiheitsstatue“ ein beliebtes Ziel von Touristen und damit mehr ein Ausflugsziel als die Stätte für patriotische Gedenkfeiern, als die es ursprünglich gedacht war.
Von 1885 bis zu ihrer Zerstörung 1944 fuhr die „Niederwaldbahn“ von Rüdesheim zum Niederwald hinauf, seit 1954 gibt es hier eine Kabinenseilbahn.

Von April bis September 2008 wurde die heute von der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten Hässen verwaltete und betreute Anlage in einer 1,5 Millionen Euro teuren Maßnahme saniert, und von Sommer 2011 bis Ende 2012 erfolgte eine umfassende Restaurierung von Sockel, Reliefs und Skulpturen des eigentlichen Denkmals.

> Google Maps <

 

– zurück zur Übersicht –