Der Deutsche ist eher alttestamentarisch

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Dieter Degowski ist vor zwei Tagen nach fast 30 Jahren vorzeitig aus der Haft entlassen worden.

Wer ist Dieter Degowski?
Mitte August 1988 hat Dieter Degowski zusammen mit Hans-Jürgen Rösner in Gladbeck eine Bank überfallen und im Anschluss daran mit zwei Geiseln die Flucht angetreten, deren Verlauf durch ihr freches Auftreten gepaart mit Unfähigkeiten der Polizei und ungeheuerlichem Verhalten sensationsgeiler Medienvertreter für Aufsehen und einen Skandal sorgte und das Leben zweier Geiseln sowie eines Polizeibeamten forderte.

In den letzten Monaten machten Nachrichten über mehrere begleitete Freigänge Dieter Degowskis die Runde, und vorgestern ist er nun vorzeitig aus der Haft entlassen worden, um unter neuer Identität „unter uns“ leben zu dürfen.

Der in den sozialen Netzwerken kommentierende Deutsche ist natürlich empört.
Da wird darauf hingewiesen, dass die Opfer ja schließlich immer noch tot seien und niemand den Angehörigen helfe, während der Täter nun frei herumlaufen könne und auch noch Wohnung und Sozialhelfer gestellt bekäme (ja, genau. Und ein Pony).
Man fordert je nach Gesinnung verhohlen oder sogar offen die Todesstrafe für Degowski.

Natürlich holt man bei derlei Nachrichten über frei kommende Gewalttäter immer erst einmal Luft, denn es ist ja auch tatsächlich ein unerträglicher Gedanke, dass jemand mit Menschenleben auf dem Gewissen wieder auf freien Fuß kommen kann.

Aber unser Rechtssystem und damit die Werte, auf denen unsere Gesellschaft und unsere Zivilisation fußen, sieht diese Möglichkeit nun einmal vor.

Dreißig Jahre im Gefängnis sind eine lange Zeit – und eine besondere Situation. Beides kann viel mit einem Menschen anstellen.

Kann man mit Sicherheit sagen, dass der Mann nun ein anderer ist?

Nun, die Medien werden immer wieder von Beispielen beherrscht, in denen Gutachter „Monster wieder auf die Gesellschaft“ losgelassen haben.
Man muss bei der Bewertung dieser Sachlage anhand von Zeitungsmeldungen allerdings bedenken, dass keine Zeitung dieser Welt eine Meldung nach dem Muster „Herbert Mustermann ist jetzt ein ganz netter Nachbar geworden“ an prominenter Stelle (oder überhaupt) bringen wird – weil das einfach überhaupt keinen Sensationswert hat und die geifernde Masse nicht interessiert.

Haben wir also eine belastbare Information darüber, wie viele vorzeitig aus der Haft entlassene Straftäter sich in Wahrheit ganz ordentlich benehmen – und ob das nicht sogar die überwältigende Mehrheit sein könnte?

Nein.

Deshalb will ich hier einfach unserem System vertrauen und glaube fest daran, dass jeder – fast jeder – nach Verbüßen einer per Gesetzbuch angemessenen Strafe und bei entsprechend guter Beurteilung durch Fachleute eine zweite Chance bekommen sollte.

Leider missverstehen die wenigsten der nach Todesstrafe schreienden Menschen diese Haltung und verwechseln sie sofort mit etwaigem Mitgefühl oder gar einer Sympathie für den Täter.

Das ist es aber ganz ausdrücklich nicht.

Ich sage lediglich: Er hat seine Strafe abgesessen, scheint nach Ansicht der Experten wieder in die Gesellschaft integriert werden zu können – also geben wir ihm seine zweite Chance.
Nutzt er diese nicht, bin ich der erste, der ihm den Weg in den Steinbruch weist.

Ist das die richtige Einstellung?

Ich weiß es nicht.

Was ich aber ganz sicher weiß, ist eines: Dass ich nicht in einem Land leben möchte, in dem die Todesstrafe und/oder ein Strafenkatalog exisitieren, der beispielsweise das Abhacken einer Hand im Falle eines Diebstahls vorsieht.

Und dass es mich schaudern lässt, wie viele meiner Mitmenschen solche Strafen eigentlich ganz in Ordnung zu finden scheinen.

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2 Antworten auf Der Deutsche ist eher alttestamentarisch

  • Wir haben nun mal Gerichte, die Urteile fällen und diese sind einzuhalten. Das etwa hierzulande der dümmliche Brauch besteht, langjährig Verurteilte nach Verbüssung eines Drittels ihrer Haftstrafe bei guter Führung und möglicher Resozialisierung wieder auf die Menschheit loszulassen, erscheint mir zwar fragwürdig, vor allem wenn es sich dabei um Straftäter handelt, die Gewalt gegen andere Menschen ausgeübt haben, aber es ist nun mal so (und geht oft genug in die Hose).

    Andrerseits muss man sich fragen, ob die Entlassung in die Freiheit bei einem Menschen, der die Hälfte oder mehr seines Lebens hinter Gittern verbracht hat, für diesen nicht eher eine Strafe ist. Wie will sich ein solcher Mensch bei der Schnelligkeit der heutigen Zeit jetzt zurecht finden und woher soll er die Mittel für ein anständiges Leben nehmen? Ich bin mir nicht sicher, ob so jemand nicht ganz schnell wieder eine Straftat begeht, um wieder sein Leben in gewohnter Art und Weise aufnehmen zu können.

    Fraglich ist für mich weiterhin die Diskrepanz zwischen Urteilen bei denen „nur“ Sachschaden entstanden ist und Urteilen die einschneidende Beeinträchtigungen an Körper und Geist hervorgerufen haben. Sechs Monate bedingter Haft für einen Mann, der ein zweijähriges Kind missbraucht hat und ein Jahr Haft für einen Mann, der seinem Nachbarn 30.000 Euro abgeluchst hat … da setzt bei mir das positive Denken völlig aus, weil der Massnahmenkatalog keine Relation aufweist.

    Aber wie auch immer es ist, haben wir in unserer Demokratie die Entscheidung über Urteile Richtern und Geschworenen zu überlassen. Und ich möchte nie und nimmer in einem Land leben, in dem Menschen sich das Aug um Aug-Prinzip anmassen. Allerdings hätte ich keinerlei Scheu, wenn Gewalttäter ihre Strafe in einem Arbeitslager ableisten müssten, aber das ist ja auch zu wenig human von mir gedacht …

    • Mein Reden.

      Das Urteil und auch jetzt die Entscheidung, den Mann auf freien Fuß zu setzen, muss mir nicht gefallen – aber ich habe beides zu achten.

      Oder eben das Land zu verlassen.

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